Neurologische Erkrankungen nach Impfungen: Fakt oder Fiktion?

Einleitung

Okay, doch noch ein COVID-Thema, aber nur so ein halbes. Ich halte es mal größtenteils COVID-frei, auch wenn die Tatsache, dass ich was dazu schreibe natürlich durch die Diskussion um Impfnebenwirkungen nach COVID-Schutzimpfungen getriggert ist. Ich werde mich mal auf das Thema neurologische Erkrankungen als Nebenwirkungen nach Impfungen konzentrieren, da ich davon am meisten verstehe, auch wenn bei den COVID-Impfungen sicherlich die kardiologischen Erkrankungen, v.a. die Perikarditis und Myokarditis das große Thema sind. Aber das Prinzip wie man an die Sache herangeht und wie man Impfnebenwirkungen bewertet bleibt sich gleich.

Die Sache mit den Nebenwirkungen

Impfreaktion vs. Impfnebenwirkung

Gemeinhin bezeichnet man als Impfreaktion die Dinge, die man nach einer Impfung als erwünschte Reaktion des Immunsystems auf die Aktivierung durch die Impfung werten kann, also Schmerzen an der Injektionsstelle, Fieber, Kopf- und Gliederschmerzen. Impfnebenwirkungen sind Krankheitssymptome die erst einmal nicht zwanglos mit der Impfung zu tun haben und eine eigene Krankheit darstellen.

Unsere Toleranz gegenüber Nebenwirkungen divergiert

Die Begriffe Nebenwirkungen, Störwirkungen und auch unerwünschte Arzneimittelwirkungen (UAW) werden relativ deckungsgleich verwendet. Jede Behandlung – auch eine Placebobehandlung – hat immer UAW, d.h. es werden bei einem Teil der Behandelten Symptome auftreten, die mit der Behandlung assoziiert werden. Hier ist es natürlich so, dass durchaus Beschwerden zeitlich korreliert mit der Behandlung vorhanden sein können, die eigentlich mit der Behandlung gar nichts zu tun haben, das gute alte Korrelation vs. Kausalität-Thema. Wenn ich nach einer Placebo-Schmerzmittel-Behandlung Halsschmerzen bekomme, hat das vermutlich mehr mit den gerade bei meinen Kindern grassierenden Kita- und Schulseuchen zu tun als mit der Behandlung. Wenn ich jetzt aber Bauchschmerzen oder Herzrasen oder einen epileptischen Anfall bekäme, wüssten wir nur über die Tatsache, dass ich ja eine Placebo-Behandlung erhalten habe, dass das nichts mit der Behandlung zu tun hat. Wäre ich jetzt in der Verum-Gruppe, sähe das schon anders aus. Trotzdem könnte es ja immer noch sein, dass ich auf Grund ganz anderer Ursachen Herzrasen, Bauchschmerzen oder den epileptischen Anfall bekommen habe.

Der zweite generelle Punkt ist, dass wir gemeinhin bereit sind, bei einer Akut-Notfallbehandlung ganz andere Nebenwirkungsraten und auch eine ganz andere Schwere von Nebenwirkungen zu tolerieren, als in der Sekundär- oder Primärprävention. Das heißt, wenn es „um Leben oder Tod“ geht (schlimmer Begriff, ich weiß) nehmen wir durchaus Behandlungen mit hopp oder top-Ausgang in Kauf. Bei einer Thrombektomiebehandlung bei einem großen ischämischen Schlaganfall kann alles gut gehen und dem Patienten geht es extrem schnell wieder extrem viel besser, das Gefäß kann aber auch zu bleiben, es kann ein sogar größerer Schlaganfall als der ursprünglich entstandene resultieren oder eine Hirnbasisarterie kann ein- oder abreißen, was bei den Fällen die ich mitbekommen habe, immer zum Tod des Patienten geführt hat. Bei einer i.v.-Thrombolyse bei einem Schlaganfall kann das Gefäß wieder aufgehen, es können aber auch schwere und auch tödliche Blutungskomplikationen an Stellen, an denen wir machtlos sind etwas dagegen zu tun auftreten. Das sind – weil ich die Studie gerade zur Hand habe (Link) – bei eine Thrombolyse in einem erweiterten Zeitfenster nach mehr als 4,5 Stunden z.B. durchaus schwere Blutungskomplikationen bei 5% der Probanden gegenüber 1% in der Placebogruppe oder eine Mortalität von 14% in der Behandlungsgruppe gegenüber 9% in der Placebogruppe, aber eben mit der Chance eines sehr guten Outcomes von 36% in der Behandlungsgruppe gegenüber 29% in der Placebogruppe.

Das sind Größenordnungen und -schwere von Nebenwirkungen die niemand von uns akzeptieren würde, wenn es um die Sekundärprävention ginge. Wenn ich nach einem Herzinfarkt oder bei einer Hypertonie einen Betablocker einnehme und mir schwindelig wird und ich Potenzprobleme bekomme, werde ich den ziemlich sicher nicht mehr nehmen, auch wenn mich beides nicht umbringen wird, im Gegensatz zu einem neuen Herzinfarkt. Und noch strenger – das macht aber auch Sinn – ist unsere Nebenwirkungsbereitschaft in der Primärprävention, also wenn ich ein Medikament nehme, um die Krankheit gar nicht erst zu bekommen. Das ist z.B. beim ASS so, was einen festen Stellenwert in der Sekundärprävention nach Herzinfarkt und Schlaganfall hat, was aber in der Primärprävention nicht empfohlen wird (Link), weil sich die geringe Risikoreduktion von 0,06 % pro Jahr mit dem erhöhten Risiko schwerer Blutungskomplikationen von 0,03% in ein nicht mehr signifikantes Maß verschlechtert, so dass die number needed to treat sich auf 270-330 (Männer/Frauen) verschlechtert, welche über sechs Jahre ASS einnehmen müssten um jeweils einen Herzinfarkt oder Schlaganfall zu verhindern. Impfungen sind Primärprävention par excellence. Das heißt, wir müssen einen viel besseren primärprophylaktischen Effekt als den von ASS bei einem möglichst geringen (aber eben nicht nicht-existenten) Nebenwirkungsprofil haben, damit die Impfung sinnvoll ist.

In der Summe heißt das aber auch, irgendwer wird nach einer Impfung auch UAW bekommen, auch wenn die Rate auf die Grundgesamtheit der Geimpften sehr niedrig ist. Und wenn diese schwer verlaufen ist es für den jeweiligen Betroffenen und seine Angehörigen und Freunde total tragisch, bezogen auf „das große Ganze“ sind es dann aber Einzelfälle oder „Kollateralschäden“.

Last but not least – aber das ist vermutlich allen klar – gibt es natürlich ganz unterschiedliche Schweregrade von UAW, diese können naturgemäß von sehr leicht und klinisch kaum relevant bis sehr schwer und potentiell tödlich reichen. Da eine Impfung wie gesagt Primärprävention in Reinform ist, werden wir als Gesellschaft schwere Nebenwirkungen durch eine Impfung nicht bis nur in ganz geringem Maße tolerieren. Wirkstoffe mit schweren Nebenwirkungen nicht als Impfstoff zu verwenden, ist zum Einen die Aufgabe der Zulassungsbehörden, wenn ein neuer Impfstoff auf den Markt kommen soll, zum Anderen der Institutionen, die sich um das Thema Pharmakovigilanz kümmern.

Überwachung von Impfnebenwirkungen

Das Thema Überwachung von Impfnebenwirkungen und auch die Frage, wer das in welcher Art und Weise machen sollte und was die optimale Form der Kommunikation ist, um bei größtmöglicher Transparenz dennoch auch impfskeptische Menschen von einer Impfung zu überzeugen ist weder neu noch Corona-spezifisch noch „was sehr deutsches“. Das wurde auch in der Prä-COVID-Ära intensiv z.B. in den USA diskutiert (Spencer et al.). In Deutschland ist das Paul-Ehrlich-Institut (PEI) für das Thema Pharmakovigilanz und damit auch für die Impfstoffsicherheit zuständig. Hier werden regelmäßig die berühmten Rote-Hand-Briefe über wichtige Medikamentennebenwirkungen oder Kontraindikationen veröffentlicht. Man kann sich da interessehalber mal durchklicken: Link. Zum Thema COVID-Impfstoffe gibt es gesonderte Sicherheitsberichte, die man hier findet: Link. Wichtig ist, die Zahlen, die dem PEI gemeldet werden sind Verdachtsfälle, also in der Regel Fälle, welche durch die zeitliche Assoziation einer Erkrankung mit der Impfung gegen COVID-19 entstehen. Der aktuelle Sicherheitsbericht schließt gemeldete Verdachtsfälle bis Ende September ein und findet sich hier: Link. Weiter unten gehen wir da noch einmal auf ein paar Punkte ein.

Klassische neurologische UAW nach Impfungen

Klassischerweise erwartet man drei verschiedene neurologische Impfnebenwirkungen, die alle aber den selben Hintergrund haben: Durch die Impfung kommt es zu einer Aktivierung des Immunsystems mit dann teilweise überschießender Immunantwort, bzw. zu einer Überlappung der gegen die Erkrankung gegen die geimpft wurde gebildeten Antikörper mit körpereigenen Eiweißketten, welche von den Antikörpern fälschlicherweise als körperfremd erkannt werden (molekulares Mimikry, Link Wikipedia). Dementsprechend handelt es sich um autoimmun vermittelte Entzündungen an den drei verschiedenen Stellen des Nervensystems:

  • Die akute demyelinisierende Enzephalomyelitis (ADEM), die ich schon mal im SSPE-Artikel beschrieben hatte
  • Die häufigste postvaccinale Entzündung, die Myelitis, also die Entzündung des Rückenmarks
  • Die Entzündung peripherer Nerven und/oder der Nervenwurzeln, häufig als fulminant und generalisiert verlaufendes Guillain-Barré-Syndrom (Link Wikipedia), durchaus aber auch als Entzündung einzelner Nervenwurzeln (Radikulitis) oder einzelner Hirnnerven (Neuritis cranialis)

Akute demyelinisierende Enzephalomyelitis (ADEM)

Als ADEM versteht man eine monophasisch verlaufende Entzündung des Marklagers des Gehirns, welche spontan, nach einem Infekt oder auch nach einer Impfung auftreten kann (Stüve et al.). Die ADEM verursacht – anders als die Multiple Sklerose – in der Regel großflächige multifokale Entzündungen. Je nach Lokalisation variieren die neurologischen Ausfälle, zudem werden enzephalopathische Symptome wie Bewusstseinsstörungen und epileptische Anfälle beschrieben.

Eine ADEM nach Impfung scheint eher ein Phänomen des jüngeren Lebensalters zu sein (Torisu et al.), allerdings werden natürlich Kinder und Jugendliche auch viel mehr und gegen viel verschiedenere Erreger geimpft als Erwachsene.

Behandelt wird die ADEM – wie andere autoimmun-vermittelte ZNS-Entzündungen auch – zunächst einmal mit Steroiden. Die Letalität der ADEM liegt unbehandelt bei ungefähr 30%, behandelt deutlich niedriger. Die Prognose gilt gemeinhin als gut, wenn auch durchaus neurologische Residualsymptome nach durchgemachter ADEM beschrieben werden. Die MRT-Auffälligkeiten bilden sich meistens innerhalb von drei Monaten zurück.

Allerdings besteht hier ein deutliches Korrelations-Kausalitäts-Problem und in verschiedenen Studien und Metaanalysen konnte keine klare Kausalität hergestellt werden, auch weil die Fallzahlen bei parallel sehr hohen Zahlen geimpfter eingeschlossener Probanden sehr niedrig waren (z.B. Baxter et al., Huynh et al.).

Myelitis

In verschiedenen Papern wird die Rückenmarksentzündung, die Myelitis als „kleine Schwester“ der ADEM verstanden, halt nur im Rückenmark statt im Gehirn. Ganz unplausibel ist es nicht, auch da auch die postvaccinalen Myelitiden in der Regel monophasisch und unter Steroidbehandlung recht gutartig verlaufen. Die Symptomatik ist entsprechend der Lokalisation eine meist inkomplette Querschnittslähmung.

Die Myelitis nach Impfung ist deutlich häufiger als eine ADEM, insbesondere nach Influenza-Impfungen sieht man immer mal wieder eine. Auch in der Zulassungsstudie des AstraZeneca-Impfstoffes gegen COVID-19 trat eine derartige Myelitis auf (Link), die in diesem Zusammenhang immer in den Medien etwas unbeholfen „Transverse Myelitis genannt wurde.

Auch bei der Myelitis gibt es ein Problem mit der Kausalitäts-Attributierung (Agmon-Levin et al.), da die Fallzahl klein ist und es eben ganz verschiedene Gründe für eine Myelitis gibt.

Guillain-Barré-Syndrom / Radikulitis / Neuritis cranialis

Das Guillain-Barré-Syndrom (GBS) bekommt noch einmal einen eigenen Blogbeitrag, so lange behelfe ich mir mit dem oben schon verlinkten Wikipedia-Eintrag (Link Wikipedia). Das GBS ist sicherlich eine schwere und auch lebensbedrohliche Erkrankung, die es – wie die anderen beiden Erkrankungen auch – spontan, nach Infekt oder eben nach Impfung geben kann. Beim GBS wird besonders stark das molekulare Mimikry (siehe oben) vermutet, bei dem es dann zu einer autoimmun vermittelten Entzündung der Nervenwurzeln und des ganz körperfernen Anteils der peripheren Nerven kommt. Radikulitis und Neuritis cranialis muss man als „kleine Geschwister“ verstehen, bei der eben nur eine oder wenige Nervenwurzeln oder Hirnnerven betroffen sind.

Die Behandlung von GBS-Patienten ist aufwändig, häufig werden sie intensivpflichtig, benötigen eine Therapie mit intravenösen Immunglobulinen (IVIG), teilweise auch einen Blutplasma-Austausch (Plasmapherese), die Erholungszeiten lang und häufig nur inkomplett.

Und wen wundert es – untersucht man es explizit – gibt es auch hier ein Problem mit dem Thema Assoziation vs. Korrelation (Principi et al.)

Die Behandlung autoimmunvermittelter Radikulitiden oder Hirnnervenneuritiden ist einfacher, meistens reichen Steroide, die Klinik ist in der Regel weniger schwer, die Erholung rascher und besser. Eine Hirnnervenneuritis wurde nach BionTech-Impfung gegen COVID-19 beschrieben (Narasimhalu et al.). Eine zeitlang galten periphere Fazialisparesen als mögliche Impfnebenwirkung nach mRNA-Impfstoff-Impfung, diese tauchen in den PEI-Sicherheitsberichten aber nicht mehr auf.

Ungewöhnliche Nebenwirkungen

Deutlich schwieriger in der Identifikation als Impfnebenwirkung ist das Auftreten von Erkrankungen, mit denen keiner vorher als Impf-UAW gerechnet hat. Berühmtes Beispiel sind die vermehrten Narkolepsie-Fälle nach der Impfung gegen die Schweinegrippe (Edwards et al.) oder die Sinus- und Hirnvenenthrombosen nach AstraZeneca-Impfung bei jüngeren Impflingen (VITT), der Blogartikel dazu kommt mir mittlerweile schon uralt vor: Link. Weil keiner damit gerechnet hat, dauert die Zeit bis zur Identifikation als Impf-UAW in der Regel länger als bei den „erwartbaren“ UAW.

Spätfolgen einer Impfung

Gerade bei dem Thema COVID-Impfstoffe, die es halt einfach noch nicht so lange gibt, kommt immer wieder der Aspekt von Spätfolgen einer COVID-Impfung auf. Gemeint ist damit, dass man jetzt geimpft wird und dann in 20 Jahren oder so vielleicht ein erhöhtes Krebserkrankungsrisiko oder eine gesteigerte kardiovaskuläre Mortalität oder – das höre ich beim Thema Kinderimpfung immer wieder – an Unfruchtbarkeit leiden könnte. Das typische – und m.E. auch richtige – Gegenargument ist, das Impfstoffe sich ja erheblich von anderen Medikamenten, die wir regelmäßig einnehmen unterscheiden, eben weil sie nur ein paar Mal im Leben (oder maximal einmal jährlich) appliziert werden und damit eben nicht mit z.B. Immunsuppressiva – für die derartige Dinge ja beschrieben sind – vergleichbar sind. Immer wieder betont wird, dass die typischen „Langzeitfolgen“ einer Impfung in den ersten Wochen bis Monaten nach Impfung auftreten, auch die gerade erwähnten seltenen Erkrankungen. Ich verlinke hier mal den Thread von Carsten Watzl, der das exemplarisch noch mal erklärt:


(1) Nachdem ich mich heute bei der dpa zu Langzeitfolgen bei Impfungen geäußert habe, fühlen sich viele Menschen dazu berufen, mir per Email die 'Wahrheit' mitzuteilen. Daher hier mal ein 🧵
Spoiler: Vor Langzeitfolgen der COVID-19 Impfung muss man keine Angst haben!

(2) Was sind Langzeitfolgen bei Impfungen? Dazu habe ich schon im Januar in der ersten Watzl Weekly Folge aufgeklärt.
Watzl Weekly 1 [20.01.2021]: Immunologie-Updates für beruflich Pflegende…

(3) Viele Menschen verstehen darunter Nebenwirkungen, die erst viele Monate oder Jahre nach einer Impfung auftreten. Und bei der schnellen Entwicklung der Impfstoffe wäre das natürlich ein Problem. Aber das ist falsch!

(4) Langzeitfolgen bei Impfungen sind seltene Nebenwirkungen, die häufig erst nach längerer Zeit mit der Impfung in Zusammenhang gebracht werden. ABER: Diese Nebenwirkungen treten innerhalb weniger Wochen nach der Impfung auf!

(5) Denn die Impfung erzeugt ein Immunreaktion. Diese ist nach wenigen Wochen abgeschlossen und der Impfstoff ist aus dem Körper verschwunden. Daher passieren Nebenwirkungen immer recht kurz nach der Impfung!

(6) Beispiel Narkolepsie nach Impfung gegen Schweinegrippe.
https://journals.plos.org/plosone/article?id=10.1371/journal.pone.0033536
Auch hier traten die Nebenwirkungen innerhalb weniger Wochen nach der Impfung auf! Es hat aber länger gedauert, bis man das einem der Grippeimpfstoffe zugeordnet hatte.

(7) Beispiel Dengue Impfung. Hier haben sich krankheitsverstärkende Antikörper erst nach 3 Jahren gezeigt? NEIN! Diese sind direkt nach der Impfung aufgetreten, es hat nur 3 Jahre gedauert, bis man den Zusammenhang hergestellt hatte.

(8) Also: Nebenwirkungen treten sehr bald nach der Impfung auf. So auch die Myokarditis, die innerhalb von 5 Tagen nach der zweiten mRNA Impfung auftreten kann. Warum dauert es dann so lange, bis manchmal der Zusammenhang hergestellt ist? Weil es seltene Ereignisse sind!

(9) Beispiel Myokarditis. Diese tritt auch ohne Impfung recht häufig gerade bei männlichen Kindern und Jugendlichen auf. Würden wir bei dieser Gruppe nur 1 Mio COVID-19 Impfungen pro Jahr machen, würde es Jahre brauchen, bis man die Nebenwirkung erkannt hätte.

(10) Aber genau hier ist der Vorteil, dass wir bei den COVID-19 Impfungen >100 Mio Dosen in Deutschland und >6 Mrd. Impfungen weltweit in relativ kurzer Zeit verabreicht haben: Auch die seltensten Nebenwirkungen werden rasch erkannt! Wir kennen die Langzeitfolgen!

(11) Worauf wollen Leute, die Langzeitstudien abwarten wollen, also noch warten? Auf eine noch seltenere Nebenwirkung, die nur bei einer bestimmten Bevölkerungsgruppe bei einem in 1 Mio Geimpften auftritt? So etwas kann man nie ausschließen.

(12) Aber das jetzt noch eine häufige Nebenwirkung auftritt, die erst in 1 Jahr erkannt wird, ist ausgeschlossen! Die Geimpften werden nicht nächstes Jahr alle unfruchtbar und bekommen alle Krebs! Dagegen kennen wir die 'Langzeitfolgen' von COVID-19 recht gut.

(13) Aufgrund eines Fehlers musste ich die erste Version dieses Treads löschen!

Originally tweeted by Carsten Watzl (@CarstenWatzl) on 24. Oktober 2021.


Durch die hohe Zahl an durchgeführten Impfungen haben wir eine sehr große Zahl an geimpften „Personenjahren“ und müssten nach allem medizinischen Sachverstand alle relevanten UAW bereits kennen (oder haben das Muster in den vorliegenden Daten schlimmstenfalls noch nicht erkannt).

Besonderheiten der COVID-Impfungen

Die Grundgesamtheit der Impflinge

Bei der Betrachtung möglicher Impf-UAW nach COVID-19-Impfung muss man eine ganz wichtige Besonderheit beachten: Wir impfen gerade die gesamte Bevölkerung (bzw. bis auf wenige Altersgruppen und Impfgegner) auf einmal. Sonst reden wir bei Impfungen von Kleinkindern, die geimpft werden (das ist im Vergleich zur Gesamtbevölkerung eine überschaubare Kohorte) oder über so Dinge wie Tetanus-Auffrischimpfungen, die man alle 10 Jahre mal bekommt. Selbst bei der jährlichen Grippeimpfung lag die Impfquote unter Gesundheitspersonal in Prä-Corona-Zeiten meist um 30% der zur Impfung aufgerufenen Personen.

Das heißt aber, dass auch alle Erkrankungen, die so in der Normalbevölkerung auftreten bei COVID-Geimpften auftreten. Und nur, wenn sich die Häufigkeit der Erkrankung nach Impfung von der in der Normalbevölkerung unterscheidet oder die Symptomatik sehr eindeutig mit der Impfung zu tun hat, bekommen wir in der derzeitigen Situation eine Ahnung davon, dass es sich um eine Impfnebenwirkung handeln dürfte. Und anders herum können wir noch weniger als sonst jede Erkrankung, die nach einer Impfung auftritt mit dieser assoziieren. Das ist für das Thema kardiovaskuläre Mortalität z.B. wichtig, welches immer wieder durch Corona-Twitter geistert und wo man sagen muss, erst einmal sollten die wahrscheinlicheren Assoziationen abgeklopft werden, z.B. eine Verknüpfung zu Bewegungsmangel, Fehlernährung und vermehrtem psychosozialen Stress durch Lockdown und Homeoffice.

Themen im aktuellen PEI-Sicherheitsbericht

Wenn man sich die Sicherheitsberichte anschaut, so sieht man, dass ein Großteil der gemeldeten Impfnebenwirkungen nach obiger Definition Impfreaktionen sind. Das was wir alle eigentlich mit dem Thema assoziieren sind die Events of special interest (AESI). Relativ präsent ist das Thema Perikarditis/Myokarditis, sowohl beim Abschnitt Impfung von Jugendlichen ab 12 Jahre (1 Fall auf 12.000-13.000 Zweitimpfungen bei Jungen und 1 Fall auf 210.000-250.000 Zweitimpfungen bei Mädchen, Daten bis 30.09.2021 erfasst), als auch bei der Impfung von Erwachsenen. Folgende dem Sicherheitsbericht entnommene Tabelle, aus der die starke Alters- und Geschlechtsabhängigkeit deutlich wird, finde ich sehr hilfreich:

ComirnatySpikevax
AlterMFMF
12-174,810,4911,41 (nur 2 Fälle)/
18-294,680,9711,712,95
30-391,881,114,671,12
40-491,120,932,130,80
50-590,710,770,990,91
60-690,380,290,31/
70-790,470,250,500,45
> 890,180,130,47/
Gesamt1,570,653,781,09
Inzidenzen beziehen sich auf 100.000 Impfungen, nach: PEI-Sicherheitsbericht vom 26.10.2021, Link

Auch zum Outcome finden sich hilfreiche Angaben, wichtig – auch angesichts der teilweise grassierenden Falschinformationen ist noch dieser Abschnitt:

Es wurden neun Todesfälle im zeitlichen Zusammenhang mit der COVID-19- Impfung und einer Myo-/Perikarditis gemeldet: sechs Männer und drei Frauen im Alter von 35 bis 84 Jahren. Fünf Meldungen bei drei Frauen und zwei Männern mit einem mittleren Alter von 70 Jahren (58 -84 Jahre) bezogen sich auf Comirnaty, davon ein Fall, bei dem histologisch eine Myokarditis verifiziert wurde, die vom meldenden Arzt im Zusammenhang mit der Impfung gesehen wurde. In den vier anderen Meldungen stehen noch weitere Informationen aus, sodass eine abschließende Bewertung derzeit nicht möglich ist. Als nicht todesursächlich wurde die Myokarditis bei zwei Männern nach Spikevax bewertet. In beiden Fällen führten wahrscheinlich andere Erkrankungen, die nicht mit der Impfung assoziiert sind, zum Tode. Jeweils ein Todesfall ist nach Vaxzevria und einer nach COVID- 19 Vaccine Janssen berichtet worden. In beiden Fällen stehen weitere Informationen noch aus.

Zweiter Themenkomplex sind allergische Reaktionen (wen wundert es, die gibt es natürlich immer) und dritter das Thema Guillain-Barré-Syndrom. Hierzu schreibt das PEI:

Insgesamt wurden dem Paul-Ehrlich-Institut 255 Fälle eines GBS/MFS berichtet, davon zwei Fälle nach Vaxzevria, drei Fälle nach Comirnaty und ein Fall nach Moderna mit einem tödlichen Verlauf. 17 Patienten (n=8 Vaxzevria, n=7 Comirnaty, n=1 Spikevax, n=1 Janssen) mussten intensivmedizinisch behandelt und teils invasiv beatmet werden. … Für beide mRNA-Impfstoffe ist die Melderate eines GBS deutlich niedriger und nicht höher als statistisch zufällig zu erwarten wäre.

Der letzte Satz ist wichtig, weil wir ja gerade die gesamte Bevölkerung impfen und das GBS in der Gesamtbevölkerung mit einer Inzidenz von 0,9-1,8/100.000 Einwohner auftritt. Die GBS-Inzidenzen nach mRNA-Impfstoffen lagen jedoch bei 0,11-0,13/100.000 Impfungen und für die Vektor-Impfstoffe bei 0,84-1,1/100.000 Impfungen.

Im letzten Themenkomplex geht es um die embolischen Komplikationen, v.a. in Verbindung mit einem Abfall der Blutplättchen (also der VITT), was ja in erster Linie ein AstraZeneca-Thema (und ein bisschen ein Johnson & Johnson-Thema) ist und wo ich seinerzeit mal was dazu geschrieben hatte (aber seit dem Sommer auch die Artikel nicht mehr aktualisiert habe): Link.

Fazit

Natürlich gibt es durch Impfungen und damit auch durch die COVID-Impfung Nebenwirkungen und wer was anderes behauptet ist und bleibt ein Populist:

Aber, es gibt nur wenig schwere Nebenwirkungen und nur sehr wenige, die wir wirklich unzweifelhaft auf die Impfung beziehen können. Beim Thema mRNA-Impfstoffe sind das vor allem die Peri- und Myokarditiden, beim Thema Vektor-Impfstoffe die VITT. Bei den klassischen neurologischen Impfnebenwirkungen ist eine sichere Kausalität oft nur schwer bis gar nicht herzustellen.

Wo man weiterlesen kann

Agmon-Levin, N., Kivity, S., Szyper-Kravitz, M., & Shoenfeld, Y. (2009). Transverse myelitis and vaccines: a multi-analysis. Lupus, 18(13), 1198–1204. https://doi.org/10.1177/0961203309345730

Baxter, R., Lewis, E., Goddard, K., Fireman, B., Bakshi, N., DeStefano, F., Gee, J., Tseng, H. F., Naleway, A. L., & Klein, N. P. (2016). Acute Demyelinating Events Following Vaccines: A Case-Centered Analysis. Clinical Infectious Diseases, 63(11), 1456–1462. https://doi.org/10.1093/cid/ciw607

Edwards, K., Lambert, P. H., & Black, S. (2019). Narcolepsy and Pandemic Influenza Vaccination: What We Need to Know to be Ready for the Next Pandemic. Pediatric Infectious Disease Journal, 38(8), 873–876. https://doi.org/10.1097/INF.0000000000002398

Huynh, W., Cordato, D. J., Kehdi, E., Masters, L. T., & Dedousis, C. (2008). Post-vaccination encephalomyelitis: Literature review and illustrative case. Journal of Clinical Neuroscience, 15(12), 1315–1322. https://doi.org/10.1016/j.jocn.2008.05.002

Principi, N., & Esposito, S. (2019). Vaccine-preventable diseases, vaccines and Guillain-Barre’ syndrome. Vaccine, 37(37), 5544–5550. https://doi.org/10.1016/j.vaccine.2018.05.119

Spencer, J. P., Trondsen Pawlowski, R. H., & Thomas, S. (2017). Vaccine Adverse Events: Separating Myth from Reality. American Family Physician, 95(12), 786–794. http://www.ncbi.nlm.nih.gov/pubmed/28671426

Torisu, H., & Okada, K. (2019). Vaccination-associated acute disseminated encephalomyelitis. Vaccine, 37(8), 1126–1129. https://doi.org/10.1016/j.vaccine.2019.01.021

Literaturangaben (keine Weiterlese-Tips)

Narasimhalu, K., Lee, W. C., Salkade, P. R., & De Silva, D. A. (2021). Trigeminal and cervical radiculitis after tozinameran vaccination against COVID-19. BMJ Case Reports, 14(6), e242344. https://doi.org/10.1136/bcr-2021-242344

Stüve, O., Nessler, S., Hartung, H. P., Hemmer, B., Wiendl, H., & Kieseier, B. C. (2005). Akute disseminierte Enzephalomyelitis. Der Nervenarzt, 76(6), 701–707. https://doi.org/10.1007/s00115-004-1842-0

Corona und das Paper-Bullshit-Bingo: Warum Wissenschaft gerade ein riesiges Qualitätsproblem hat

Vorneweg

Ja, ich weiß, eigentlich sollte es um critical illness Polyneuropathie gehen, aber ich bin schon wieder innerlich getrieben, was zu COVID zu schreiben. Beim nächsten Mal geht’s dann aber wirklich (ehrlich wahr) um die critical illness Polyneuropathie.

Worum geht es in diesem Beitrag eigentlich nicht?

Unter anderem hierum, obwohl es (zumindest für mich) ein Riesenthema ist:

https://www.tagesschau.de/investigativ/monitor/ausgangssperren-103.html

Was ist der Hintergrund? Mal wieder ein Preprint, welches man hier findet: Link und in dem verschiedene Regierungsmaßnahmen in der zweiten COVID-Welle (also im Herbst/Winter) und ihre Wirkung auf die Infektionszahlen-Entwicklung untersucht wurden. Und was dann passiert ist so furchtbar pathognomonisch für die derzeitige Situation: Die Ergebnisse werden vom jeweiligen politischen Akteur in ihrem oder seinen Sinne gedeutet und sofort mit Bedeutung aufgeladen und als Forderung für politische Maßnahmen oder als Begründung für deren Umsetzung verwendet:

Das Skurrile ist, dass es von Anfang an Stimmen gegeben hat, die – aus Gründen – davor gewarnt haben, die Studie als 1:1-Rechtfertigung für weitere Beschränkungen zu verwenden, z.B. populärwissenschaftlich und für alle einsehbar hier: Link, aber genau diese Deutung ist dann passiert. Und nun gibt es – und da kommen wir zum Tagesschau-Artikel zurück – eine öffentliche Korrektur der politischen Interpretation der Studienergebnisse durch Autoren der Studie.

Wie kann das passieren?

Zum Einen sicherlich durch die Politisierung von Wissenschaft, die zum Einen aus der Politik kommt, die Wissenschaftler für ihre Zwecke und Meinungen vereinnahmt; zum Anderen von Wissenschaftlern selber, die ihre Forschungsergebnisse mit konkreten politischen Forderungen oder Visionen von Gesellschaftsmodellen verbinden. Ein Beispiel hierfür wäre sicherlich Melanie Brinkmann, die man bei Twitter hier findet: https://twitter.com/BrinkmannLab

Oder – der von mir schon beim Long Covid-Thema zitierte – Dirk Brockmann: https://twitter.com/DirkBrockmann

Am anderen Ende der COVID-Interpretationsskala gilt das aber sicherlich auch für Klaus Stöhr: https://twitter.com/stohr_klaus

Ein zweiter relevanter Punkt ist, dass wissenschaftliche Arbeiten als Quelle und Begründung für politische Forderungen dienen und zitiert werden, beim genaueren Hinsehen man aber den Eindruck haben muss, dass die- oder derjenige die Arbeit entweder gar nicht gelesen, nicht zu Ende gelesen oder nicht verstanden hat. Ein prominentes Beispiel hierzu ist die im Long-Covid-Artikel erwähnte Internetfragebogen-Selbstbeobachtungsstudie, die ja auch mit einer Bedeutung aufgeladen wurde, die sie schlicht und einfach nicht haben kann:

Das dritte Problem ist sicherlich das unglaublich miserable Pandemiemonitoring, wie wir es in Deutschland betreiben, was zu extrem großen Problemen bei der Prognoseabschätzung der Infektionszahlenentwicklung und ihrer Implikation auf das Gesundheitssystem führt, amüsant nachzulesen zum Beispiel hier:

Und hier:

Wie tief dieses Defizit reicht und welche Ausmaße es hat, hat Jan-Martin Wiarda, der u.a. für den Tagesspiegel schreibt, recherchiert und hier aufgeschrieben, die Lektüre lohnt sich allemal:

https://www.jmwiarda.de/2021/04/28/die-datenerhebungskatastrophe/

Aber das soll alles eigentlich gar nicht das Thema sein.

Die Flut der Veröffentlichungen zum Thema COVID19

Sondern es soll um Paper gehen, die – zum Teil sogar den Peer Review-Prozess absolviert haben – und die in unendlich großer Zahl Tag für Tag veröffentlicht werden. Die Zahl ist so groß, dass wenn man bei pubmed einfach nur COVID19 eingibt (Link) über 123.000 Veröffentlichungen findet. Das kann kein Mensch überblicken. Niemals. Deshalb gibt es Dinge wie den Journal Club zum Thema COVID19 meiner Fachgesellschaft, der Deutschen Gesellschaft für Neurologie. Den findet man hier: Link. Und auch hier kann man sich aktuell bis zu Seite 50 durchklicken. Wenn man alleine das versucht zu verfolgen, wird einem Angst und Bange. Und zwar nicht auf Grund der ganzen Katastrophennachrichten, die man dort erfahren würde, sondern weil man selbst als mittelmäßig begabter Neurologe durchschauen kann, dass viele Dinge, die dort vorgestellt und besprochen werden (immer im Konjunktiv, was erfreulicherweise die nötige Distanz schafft) so hanebüchen sind, dass man nicht verstehen kann, warum sie überhaupt den Weg an die Öffentlichkeit gefunden haben. Eigentlich fasst dieser Tweet das Ganze schon zusammen

https://twitter.com/PhilWMagness/status/1388869227151560706

aber ich versuche mal ein paar Beispiele zu geben und eine Art Charakterisierung der drei häufigsten Phänomene vorzunehmen:

Zeitliche Korrelation vs. Kausalität: Guillain-Barré-Syndrom und COVID-19

Schon im April 2020 wurden erste Fallberichte veröffentlicht, in denen von Patienten berichtet wurde, welche nicht nach einer COVID19-Infektion ein Guillain-Barré- oder ein Miller-Fisher-Syndrom entwickelt hatten, sondern bei denen das Guillain-Barré-Syndrom zur stationären Aufnahme geführt hatte und bei denen sekundär die Diagnose einer COVID19-Erkrankung gestellt wurde, entweder weil die Patienten dann typische COVID19-Symptome entwickelten oder auch als symptomarmer oder asymptomatischer Verlauf bei Reihentestung der Patienten, sozusagen als parainfektiöses GBS. Die ersten Fallberichte wurden sehr hochrangig veröffentlicht, in Lancet Neurology, Neurology und dem New England Journal of Medicine, vergleiche hier: Link. Alle Erkrankungen in den ersten Fallserien verliefen relativ mild, IVIG halfen in der Regel gut, oft waren keine Gangliosid-Antikörper nachweisbar, in keinem Fall SARS-CoV2-RNA im Liquor.

Aus Deutschland wurde dann im Sommer 2020 ein Fallbericht (Lampe et al.) veröffentlicht, der ebenfalls von einem Patienten berichtete, bei dem sich sehr rasch nach COVID19-Symptombeginn ein ebenfalls mildes Guillain-Barré-Syndrom entwickelte. Der Patient hatte zwar ca. vier Wochen vor GBS-Beginn einen Atemwegsinfekt gehabt, der antibiotisch behandelt worden war, die Autoren gehen dennoch auf Grund der zeitlichen Korrelation zur COVID19-Infektion von einem parainfektiösen GBS aus. Die Option, dass es sich um ein mildes „normales“ GBS nach dem durchgemachten Atemwegsinfekt vier Wochen zuvor handeln könnte, wird in einem Nebensatz abgehandelt. Der Artikel gipfelt in der Feststellung:

Moreover, it substantiates the evidence of a potential association between SARS-CoV-2 and GBS.

Ebenfalls im Sommer 2020 wurde eine Zusammenfassung von 24 derartigen parainfektiösen GBS publiziert (Finsterer et al.), hier wurden auch schwerere Verläufe berichtet. An der direkten parainfektiösen Genese wurde auch hier kein Zweifel geäußert, es wurden Vermutungen über ein direktes molekulares Mimikry zwischen SARS-CoV2 und neuronalen Oberflächenstrukturen als Auslöser vermutet. Auffällig war allerdings eine geringere Häufigkeit des parainfektiösen GBS gegenüber dem „normalen“ GBS. Auch in diesem Paper ist die Zusammenfassung besonders interessant:

It is concluded that SARS‐CoV‐2 can cause GBS. The CSF is free of virus‐RNA in SARS‐CoV‐2‐associated GBS. If SARS‐CoV‐2 is truly the cause of GBS in all cases included in this review, remains speculative since a strong causative relation was not established in each case.

Im Dezember 2020 wurde dann hochrangig publiziert in Brain zurückgerudert (Lunn et al.). Zum Einen konnte eine deutlich geringere GBS-Inzidenz in Großbritannien in der ersten COVID19-Welle gegenüber den Vorjahren nachgewiesen und nachvollziehbar herausgearbeitet werden, dass durch die Lockdown-Maßnahmen die typischen Auslöser des GBS, die Infektionen mit Campylobacter jejuni und CMV, deutlich zurückgegangen waren. Auch konnten die Autoren die Idee des molekularen Mimikry von SARS-CoV2 und peripheren Nervenoberflächen-Proteinen aufwändig widerlegen.

Was ist hier passiert?

Peter Berlit hat das Thema schon in diesem Editorial (Link) aufgegriffen, hier die wichtigsten Punkte:

Zunächst einmal wurde der alte Grundsatz der evidenzbasierten Medizin „Correlation does not imply causation“ (Link Wikipedia, Link Universität Duisburg) nicht beachtet. Peter Berlit schreibt hierzu:

Ein ausschließlich zeitlicher Zusammenhang neurologischer Manifestationen mit neuartigen Erkrankungen (wie COVID-19) rechtfertigt zunächst einmal keine kausale Verknüpfung

Dann wurde eine Erkrankungs-Serie mit sehr kleiner Fallzahl (24 Patienten) mit einer aktuell, sehr, sehr häufigen Erkrankung assoziiert, was statistisch ein relativ problematisches Unterfangen ist, wenn man das gut machen will. Bei der Influenza konnte eine Assoziation zwischen der Impfung gegen den Serotyp H1N1 und einem GBS nach Impfung erst im letzten Jahr in einer großen Metaanalyse (Petráš et al.) widerlegt werden. Mehrere Studien zuvor hatten einen (vermeintlichen) Zusammenhang gezeigt. Und dann wurde zumindest in der Arbeit von Lampe et al. (und die ist mir am vertrautesten) ein möglicher Zusammenhang des GBS mit dem vier Wochen zuvor durchgemachten antibiotisch behandelten Atemwegsinfekt offenbar bewusst kleingeredet, wobei dieser vom zeitlichen Horizont her viel plausibler zu dem beschriebenen GBS passt. Dafür kann man die weiter oben zitierte Zusammenfassung, in der ein Beweis für eine neue COVID19-Krankheitsentität gesehen wird, dann wohl als gepflegte Selbstüberschätzung auffassen.

Gleiches Problem: EEG-Veränderungen bei schweren COVID-Verläufen

Zumindest in der Neurologie wurde das Thema (kurzzeitig) intensiver diskutiert , nachdem in einer ersten Arbeit retrospektiv bei Patienten mit schweren COVID-Verläufen ein erhöhter Anteil von pathologischen EEG-Veränderungen, insbesondere scharfen Wellen und rhythmischen Delta-Wellen-Entladungen, gefunden worden war. Dieses Thema hat sich mit einer größeren Datenbasis und der Berücksichtigung der Schwere der einzelnen zunächst berichteten Krankheitsverläufe komplett egalisiert, vergleiche auch hier und hier.

Wo man weiterlesen kann

Lampe, A., Winschel, A., Lang, C., & Steiner, T. (2020). Guillain-Barré syndrome and SARS-CoV-2. Neurological Research and Practice, 2(1), 19. https://doi.org/10.1186/s42466-020-00066-0

Finsterer, J., Scorza, F. A., & Ghosh, R. (2021). COVID‐19 polyradiculitis in 24 patients without SARS‐CoV‐2 in the cerebro‐spinal fluid. Journal of Medical Virology, 93(1), 66–68. https://doi.org/10.1002/jmv.26121

Petráš, M., Králová Lesná, I., Dáňová, J., & Čelko, A. M. (2020). Is an Increased Risk of Developing Guillain–Barré Syndrome Associated with Seasonal Influenza Vaccination? A Systematic Review and Meta-Analysis. Vaccines, 8(2), 150. https://doi.org/10.3390/vaccines8020150

Keddie, S., Pakpoor, J., Mousele, C., Pipis, M., Machado, P. M., Foster, M., Record, C. J., Keh, R. Y. S., Fehmi, J., Paterson, R. W., Bharambe, V., Clayton, L. M., Allen, C., Price, O., Wall, J., Kiss-Csenki, A., Rathnasabapathi, D. P., Geraldes, R., Yermakova, T., … Lunn, M. P. (2021). Epidemiological and cohort study finds no association between COVID-19 and Guillain-Barré syndrome. Brain, 144(2), 682–693. https://doi.org/10.1093/brain/awaa433

Berlit, P., Lehmann, H.C.) Vorsicht vor kausalen Verknüpfungen. DGNeurologie 4, 149–150 (2021). https://doi.org/10.1007/s42451-021-00340-8

Paper, die allgemeine Weisheiten transportieren: Delir und COVID-19

Ein echtes Ärgernis sind Veröffentlichungen, die so gar nichts neues beitragen können, aber so tun als ob. Und die gibt es reichlich. Ein gutes Beispiel ist die Arbeit von Kennedy et al. zum Thema Delir bei älteren Patienten mit COVID19. Hier wurde gezeigt, dass ein Delir Erstsymptom einer COVID19-Erkrankung sein kann und den respiratorischen Symptomen vorausgehen kann. Knapp 30% der untersuchten älteren Patienten wiesen im Rahmen der COVID-Infektion ein Delir auf. Das Delir trat häufiger auf bei Patienten jenseits des 75. Lebensjahrs, bei Patienten, die in Pflegeeinrichtungen wohnen, die mit psychoaktiven Substanzen oder Neuroleptika vorbehandelt waren, die schlecht Hören oder Sehen konnten, in der Vorgeschichte einen Schlaganfall erlitten hatten oder an Parkinson erkrankt waren. Das Auftreten des Delirs war mit einer höheren Mortalität und schweren Krankheitsverläufen assoziiert. Jetzt gibt es viele gute Arbeiten zum Thema Delir, auch der erste Blogbeitrag ging darum: Link, aber alle Kollegen, mit denen ich über diese Arbeit gesprochen habe, hatten nur ein spöttisches Lachen übrig. Was nicht wundert, da wirklich jeder Ärztin und jedem Arzt die schon einmal in einer Notaufnahme gearbeitet haben oder die allgemeinmedizinisch tätig sind klar ist, dass ein Delir bei multimorbiden älteren Patienten bei jedem Infekt Erstsymptom sein kann und auch häufig Erstsymptom ist. Und zwar egal bei welchem Infekt, viral oder bakteriell, die Atemwege, den Harntrakt oder auch mal den Bauch betreffend. Allen ist klar, dass man bei einem Patienten mit einem Delir einen Infekt ausschließen und wenn dieser vorliegt, den Fokus suchen muss. Und natürlich gilt das auch für COVID19. Und genau, die beschriebenen Risikofaktoren sind die Faktoren, die für ein Delir bei jedem Infekt prädisponieren. Und ja, ein Delir ist immer mit einem schweren und längeren Krankheitsverlauf und mit einer erhöhten Mortalität verbunden. Aber für diese Erkenntnis braucht es kein neues Paper zum Thema COVID19, da reichen auch die vorhandenen (guten) Arbeiten zum Delir.

Ähnliches gilt auch für die Arbeit zum Thema Delir bei schwer kranken COVID19-Patienten von Bun et al. Auch hier werden am Ende die ganz normalen Fakten zum ganz normalen Delir berichtet. Ungefähr 50% der im Schnitt 64-jährigen Patienten entwickelten ein Delir, maschinelle Beatmung, mechanische Fixierung, Neuroleptika- und Benzodiazepingabe erhöhten das Delirrisiko, Verwandtenbesuche senkten es. Insbesondere Männer im höheren Lebensalter, sowie alkoholkranke Patienten hatten schwerere Delirverläufe.

Warum gibt es derartige Veröffentlichungen?

Ich weiß es nicht, der Mehrwert dieser Arbeiten beträgt exakt 0%. Vielleicht ist es der in uns allen wohnende Geltungsdrang (ohne diesen gäbe es allerdings auch diesen Blog nicht), vielleicht ist es nur gut gemeint und der Versuch auch (vermeintliche) Selbstverständlichkeiten mit Daten zu unterfüttern.

Wo man weiterlesen kann

Kennedy, M., Helfand, B. K. I., Gou, R. Y., Gartaganis, S. L., Webb, M., Moccia, J. M., Bruursema, S. N., Dokic, B., McCulloch, B., Ring, H., Margolin, J. D., Zhang, E., Anderson, R., Babine, R. L., Hshieh, T., Wong, A. H., Taylor, R. A., Davenport, K., Teresi, B., … Inouye, S. K. (2020). Delirium in Older Patients With COVID-19 Presenting to the Emergency Department. JAMA Network Open, 3(11), e2029540. https://doi.org/10.1001/jamanetworkopen.2020.29540

Pun, B. T., Badenes, R., Heras La Calle, G., Orun, O. M., Chen, W., Raman, R., Simpson, B.-G. K., Wilson-Linville, S., Hinojal Olmedillo, B., Vallejo de la Cueva, A., van der Jagt, M., Navarro Casado, R., Leal Sanz, P., Orhun, G., Ferrer Gómez, C., Núñez Vázquez, K., Piñeiro Otero, P., Taccone, F. S., Gallego Curto, E., … Sarwal, A. (2021). Prevalence and risk factors for delirium in critically ill patients with COVID-19 (COVID-D): a multicentre cohort study. The Lancet Respiratory Medicine, 9(3), 239–250. https://doi.org/10.1016/S2213-2600(20)30552-X

Paper, mit steilen Thesen

Im Rahmen der ganzen Fallberichte und kleinen Fallserien finden sich erstaunlich viele Arbeiten mit – sagen wir mal – gewagten Hypothesen. Diese besagen meistens, dass die gerade beschriebene Erkrankung mit einer COVID19-Infektion zusammenhängen muss. Das Problem mit der zeitlichen Korrelation und der Kausalität haben wir dabei ja weiter oben schon thematisiert.

Zum Beispiel diese Arbeit aus Italien (Karvigh et al.), in der von einem 73-jährigen Patienten berichtet wird, der 2017 einen linkshirnigen Schlaganfall erlitten hatte. Im Rahmen einer COVID19-Infektion mit relativ leichten Symptomen kam es nun zu einem linkshirnig generierten epileptischen Anfall, im Verlauf auch zu einem fokalen Anfallsstatus. Im Liquor dieses Patienten ließ sich tatsächlich SARS-CoV2-RNA nachweisen (was ja in den allermeisten anderen Untersuchungen nicht gelang), daher schließen die Autoren auf eine direkte Genese des epileptischen Anfalls durch die COVID-Infektion mit Gehirnbeteiligung. Ketzerisch würde ich mal einwenden, dass ein epileptischer Anfall bei einer vorbestehenden kortikalen Narbe im Rahmen eines systemischen Infektes nichts außergewöhnliches ist.

Oder die Arbeit von Kim et al. Hier wird ein Patient mit einer drei Monate zuvor durchgemachten COVID19-Infektion und einer Hinterstrangschädigung sowie einer höhergradigen zervikalen spinalen Enge allerdings ohne Myelopathiesignal berichtet, bei dem eine Dekompressions-Operation zunächst keinen Erfolg brachte. Der Patient entwickelte postoperativ ein langstreckiges T2-hyperintenses Signal im zervikalen Myelon im Bereich der Hinterstränge. Nach intensiver Rehabilitation besserten sich die Beschwerden des Patienten. Eine umfangreiche serologische Diagnostik incl. AQP4-AK und MOG-AK blieb nicht wegweisend. Die Autoren postulieren einen Zusammenhang mit der COVID-Infektion und nennen das Krankheitsbild Post-COVID-19 Enzephalomyelitis, wobei mir die Gehirnbeteiligung nicht ganz klar ist. Auch hier gilt das Problem mit der zeitlichen Assoziation und der Kausalität, zudem gibt es mit der spinalen Enge eine mindestens genauso plausible andere Ursache mit zeitlicher Korrelation.

Wo man weiterlesen kann

Karvigh, S. A., Vahabizad, F., Mirhadi, M. S., Banihashemi, G., & Montazeri, M. (2021). COVID-19-related refractory status epilepticus with the presence of SARS-CoV-2 (RNA) in the CSF: a case report. Neurological Sciences, 2, 0–3. https://doi.org/10.1007/s10072-021-05239-6

Kim, J., Abdullayev, N., Neuneier, J., Fink, G. R., & Lehmann, H. C. (2021). Post-COVID-19 encephalomyelitis. Neurological Research and Practice, 3(1), 18. https://doi.org/10.1186/s42466-021-00113-4

Hier braucht es ein Fazit

So können wir nicht weitermachen. Und zwar auf allen Ebenen nicht. Nicht beim ersten Thema, dem mindestens fahrlässigen Gebrauch von Papern, um einen eigenen Standpunkt zu verdeutlichen, egal ob die zitierte Quelle das hergibt oder nicht. Nicht beim Thema Politisierung von Wissenschaft, vor allem was das Thema confirmation bias und zu COVID-forschende Wissenschaftler, die aus persönlicher Überzeugung politisch aktiv sind, betrifft. Sonst sind uns potentielle Interessenkonflikte immer wichtig, das muss dann gerade bei so einem aufgeladenen Thema wie COVID19 auch gelten. Nicht was die Diskussionskultur betrifft, in der man nur noch Querdenker oder No Covid-Jünger sein kann. Und ganz sicher nicht, was das Thema Paper betrifft. Hier braucht es ganz dringend eine geringere Schlagzahl, dafür hochwertigere und aussagekräftigere Arbeiten, die vielmehr ihre eigenen Grenzen erkennen. Es ist nicht schlimm, wenn man eine gerade politisch diskutierte Frage nicht mit der passenden wissenschaftlichen Arbeit unterfüttern kann. Es ist gar nicht verkehrt zu sagen: Hierzu können wir gerade keine belastbare Aussage treffen (nicht wahr, liebe STIKO bezüglich des Themas Zweitimpfung mit einem mRNA-Impstoff nach Erstimpfung mit AstraZeneca). In einem anderen Editorial (Link) im Dezember 2020 haben Peter Berlit und Hans-Christoph Diener (als graue Eminenzen der Neurologie in Deutschland) geschrieben, dass der Wissenschaft deutlich mehr gedient gewesen wäre, wenn es nur ein Viertel der bisherigen Veröffentlichungen zu COVID19 gegeben hätte, diese aber von besserer Qualität gewesen wären. Dem ist nichts hinzuzufügen.

Wo man weiterlesen kann

Diener, HC., Berlit, P. COVID-19: Risiko für gute Wissenschaft. InFo Neurologie 22, 3 (2020). https://doi.org/10.1007/s15005-020-1567-z