Akut-symptomatischer epileptischer Anfall

Gelegenheitsanfall? Provozierter epileptischer Anfall oder wie heißt das jetzt?

Provozierte epileptische Anfälle haben über die Jahre hinweg viele Namen bekommen, Gelegenheitsanfälle, Okkassionsanfälle oder halt akut-symptomatische epileptische Anfälle. Und das ist auch die offizielle Bezeichnung.

Provozierte epileptische Anfälle sind häufig, wobei vermutlich weniger häufig als man gemeinhin vermuten wird, doch dazu gleich mehr. Die Unterscheidung in provozierte und nicht-provozierte epileptische Anfälle ist deshalb wichtig, weil das Risiko eine Epilepsie zu entwickeln nach einem sicher provozierten epileptischen Anfall relativ stabil um 20% beträgt (gegenüber 40-60% nach einem erstmaligen nicht-provozierten Anfall), d.h. 4/5 der Betroffenen werden nie eine Epilepsie mit nicht-provozierten epileptischen Anfällen entwickeln.

Weniger geschlafen als sonst = akut-symptomatischer epileptischer Anfall?

So einfach ist es dann doch nicht, es gibt vielmehr relativ schematisch akzeptierte Grenzwerte, ab wann man mit hoher klinischer Sicherheit von hinreichenden Provokationsfaktoren ausgehen kann:

ProvokationsfaktorGrenzwert
Glukose< 36 mg/dl oder > 450 mg/dl mit Ketoazidose
Natrium< 115 mmol/l
Kalzium< 1,25 mmol/l
Magnesium< 0,33 mmol/l
Harnstoff> 100 mg/dl
Kreatinin> 10 mg/dl
SubstanzentzugGABA-erg wirksame Substanzen*
Schlafentzug< 50% des normalen Nachtschlafes
* siehe Beitrag zum Thema stoffgebundenes Delir: https://brainpainblog.org/2020/04/15/delir/

Der Faktor Schlafentzug wird im klinischen Alltag relativ oft überschätzt und dabei übersehen, dass der Betroffene eben nicht weniger als 50% seines sonst üblichen Nachtschlafes geschlafen hat und dass damit eigentlich die Annahme eines akut-symptomatischen epileptischen Anfalls nicht gerechtfertigt ist.

Behandeln?

Bei einem 20%-Risiko, eine Epilepsie zu entwickeln lautet die Antwort: In der Regel nicht antikonvulsiv behandeln. Das alles gilt erst einmal für die beschriebenen metabolischen Provokationsfaktoren. Etwas anders sieht es bei dem Thema Frühanfälle aus:

Sonderfall Frühanfälle

Als epileptische Frühanfälle werden in der Regel epileptische Anfälle in der Akutphase einer neurologischen Erkrankung mit struktureller Hirnschädigung (ischämische Schlaganfälle, Hirnblutungen, Meningitiden, Enzephalitiden) bezeichnet. Der Begriff Akutphase wird teilweise recht schwammig benutzt, teilweise eine strenge 7-Tage-nach-Ereignis-Definition benutzt. Hier besteht je nach Erkrankung und Ausmaß einer Defektheilung ein durchaus höheres Risiko in der Folge eine strukturelle Epilepsie zu entwickeln. Dies gilt insbesondere für Patienten, welche einen akut-symptomatischen Status epilepticus entwickeln. Dann ist das Wiederholungsrisiko 3x höher um 60%.

Nach ischämischen Schlaganfällen wird eine Rate von Frühanfällen von ca. 6% berichtet, kortikale Infarkte versechsfachen dabei das Risiko später eine Epilepsie zu entwickeln. Für Sinus- und Hirnvenenthrombosen werden Frühanfälle bei gut einem Drittel der Patienten angenommen, eine strukturelle Epilepsie im Verlauf bei ca. 10%. Nach ICB soll es in etwa 10% der Fälle zu Frühanfällen und bei 5% der Patienten zur Entwicklung einer strukturellen Epilepsie kommen, ähnliche Zahlen (11%/3% werden für SAB genannt). Anders sieht es bei akut-entzündlichen Prozessen im ZNS aus, Frühanfälle sollen bei bis zu 25% der Patienten auftreten, wovon knapp die Hälfte eine symptomatische Epilepsie entwickelt. Eine symptomatische Epilepsie ohne Frühanfälle scheint bei entzündlichen Prozessen anders als bei den vaskulären Ereignissen hingegen eine Rarität zu sein.

So oder so ist das Risiko eine Epilepsie zu entwickeln (außer bei einem Frühanfalls-Status) bei Frühanfällen aber nahezu immer unter 50%, so dass sich in der Literatur oft etwas schwammige Empfehlungen finden, dass man für 3-6 Monate eine antikonvulsive Medikation rechtfertigen könne, diese dann aber absetzen solle.

Wo man weiterlesen kann

S1-Leitlinie erster epileptischer Anfall: https://www.dgn.org/leitlinien/3410-030-041-erster-epileptischer-anfall-und-epilepsien-im-erwachsenenalter-2017

  1. Brandt, C. Akut-symptomatische epileptische Anfälle: Inzidenz, Prognose und Aspekte der antiepileptischen Behandlung. Aktuelle Neurol. 39, 480–485 (2012).
  2. Specht, U. & Bien, C. Erster epileptischer Anfall im erwerbsfähigen Alter: Prognose-adaptiertes Management. Aktuelle Neurol. 45, 737–748 (2018).
  3. Malter, M. Erster epileptischer Anfall. DGNeurologie 2, 295–302 (2019).

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