Neue Studie aus Großbritannien: Fußballspielen kann eine Demenz auslösen

Bei professionellen Fußballspielern erhöht sich das Risiko an einer Demenz zu erkranken auf das bis zu 5-fache. Das ist das Ergebnis einer Untersuchung von Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern aus Glasgow. „Die Daten weisen auf eine Assoziation zwischen der Dauer der Fußballkarriere und dem Risiko einer neurodegenerativen Erkrankung hin“ schreiben sie. Die Ergebnisse sind in der Fachzeitschrift „JAMA Neurology“ erschienen.

Diese unseriöse Überschrift und Artikeleinleitung wurden inspiriert durch: DER SPIEGEL. Sagen was ist: Link

Die schottische Studie

Okay, also noch mal ernsthaft. Es geht um diese Arbeit aus Schottland:

Russell ER, Mackay DF, Stewart K, MacLean JA, Pell JP, Stewart W. Association of Field Position and Career Length With Risk of Neurodegenerative Disease in Male Former Professional Soccer Players. JAMA Neurol. 2021;78(9):1057. doi:10.1001/jamaneurol.2021.2403

Die nackten Zahlen

Die zitierte Studie ist eine Folgestudie einer Arbeit aus 2019 [1]. In der aktuellen Arbeit [2] wurden retrospektiv die Patientendaten von 7.676 ehemaligen männlichen Fußballprofis mit einer Kontrollgruppe von 23.028 Probanden, welche hinsichtlich Geburtsjahr, Geschlecht und dem sozioökonomischen Status gematcht wurden, verglichen. Die Probanden waren zwischen 1900 und 1977 geboren, Patientendaten aus den Jahren 1981 bis 2016 konnten ausgewertet werden. Neben den Diagnosen auf den Totenscheinen wurden auch Daten zur psychischen Gesundheit, Medikamentenverordnungen und Klinikaufenthalten aus dem schottischen Gesundheitsregister verwendet. Über alle Probanden hinweg ergibt sich eine Nachbeobachtungszeit von 1,8 Millionen Personenjahren. Von den Profifußballern entwickelten 386 (5% der Kohorte) eine neurodegenerative Erkrankung, in der Kontrollgruppe waren 366 Probanden (1,6% der Kohorte) betroffen. Das Risiko einer neurodegenerativen Erkrankung erhöhte sich bei den Profifußballern durchschnittlich um das 3,5-fache. Unterschieden nach den einzelnen Erkrankungsentitäten lag das Risiko für eine Alzheimer-Demenz beim 3,59-fachen, für eine Parkinson-Erkrankung beim 2,1-fachen und für eine Motoneuronerkrankung beim 3,52-fachen.

Interessant ist die Aufschlüsselung nach der Spielposition und der Karrieredauer. So lag das Erkrankungsrisiko bei Torhütern „nur“ beim 1,8-fachen der Normalbevölkerung, bei Verteidigern war es 5-fach erhöht. Eine Profikarriere von mehr als 15 Jahren führte zu einem 5,2-fach erhöhten Erkrankungsrisiko.

Woran kann es liegen?

Die Autoren nehmen – kongruent zu anderen Arbeiten der letzten Jahre – wiederholte leichte Schädel-Hirn-Traumen als Ursache an. Dies würde die Assoziation zur Spielposition erklären, da Verteidiger signifikant häufiger in Zweikämpfe, aber vor allem auch Kopfballduelle verwickelt sind als zum Beispiel Torhüter. Dass die Dauer der Profikarriere einen erheblichen Einfluss auf das Erkrankungsrisiko hat, spricht für einen kumulativen Prozess. Dieses Phänomen, dass wiederholte Kopftraumen neurodegenerative Prozesse auslösen oder beschleunigen können ist schon länger bekannt und wird in der Regel unter dem Begriff „chronisch traumatische Enzephalopathie“ zusammengefasst (hierzu aber gleich mehr). Was an der aktuellen Studie noch interessant war ist, dass sich das Risiko einer neurodegenerativen Erkrankung über die Jahre nicht wesentlich verändert hat, obwohl die Bälle, mit denen Fußball gespielt wird, deutlich weicher und weniger schwer geworden sind.

Chronisch traumatische Enzephalopathie

Die chronisch traumatische Enzephalopathie (CTE) ist in der breiten Öffentlichkeit vermutlich durch erst durch den Film „Concussion“, auf Deutsch „Erschütternde Wahrheit“ mit Will Smith in den Fokus geraten:

Neben den im Film geschilderten Fällen ist die Erkrankung durch den Suizid von Aaron Hernandez (Link Wikipedia) 2017, der schon mit Mitte 20 rückblickend an einer CTE litt und auf Grund einer Verurteilung wegen Mordes im Gefängnis saß, bekannt geworden.

Pathophysiologie

Die wiederholten Kopftraumen im Profisport (im American Football entsprechend einer Studie (Link) im Schnitt 415 Kopftraumen/Saison) führen zu Verletzungen kleiner Hirngefäße in den Tiefen der Hirnwindungen. Um diese verletzten Gefäße herum bilden sich Tau-Protein-Ablagerungen, ebenso an der Oberfläche des Gehirns. Bestimmte Regionen (Riechirn, frontaler Kortex, Inselrinde und das limbische System) sind besonders häufig von diesen Veränderungen betroffen. Durch die Tau-Ablagerungen kommt es zu einem Nervenzelluntergang und einer deutlichen Abnahme des Hirnvolumens [3].

Klinisches Bild

Die CTE kann verlässlich nur postmortal diagnostiziert werden. Entsprechend breit sind die klinischen Beschwerden, die mit ihr assoziiert werden. Typisch ist die Einteilung in die „klassische“ CTE und in Erkrankungen, die mit einer CTE assoziiert sind und durch diese wahrscheinlicher auftreten (wie in der Studie aus Schottland untersucht).

Klassische CTE

Ausgehend von der „Boxer-Demenz“ wird unter der „klassischen“ CTE ein Symptomkomplex aus einem dyskognitiven Syndrom, extrapyramidal-motorischen Störungen und einem gestörten Sprachfluss verstanden, der oft mit psychiatrischen Symptomen wie einer Impulskontrollstörung, sozialem Rückzug, psychomotorischer Unruhe und einer erhöhten Suizidalität assoziiert ist.

Mit einer CTE assoziierte Erkrankungen

Häufiger als die „klassische“ CTE scheinen „normale“ neurodegenerative Erkrankungen aufzutreten, insbesondere Tauopathien (wie die Alzheimer-Demenz) und TDP-43-Erkrankungen (Motoneuronerkrankungen, frontotemporale Demenzen). Alpha-Synucleinopathien, wie das idiopathische Parkinson-Syndrom (Link) scheinen hingegen seltener aufzutreten. Diese Häufigkeitsverteilung deckt sich ebenfalls mit den schottischen Daten (siehe oben).

Für die Alzheimer-Erkrankungen sind Schädel-Hirn-Traumen als Risikofaktor für eine Krankheitsmanifestation wissenschaftlich akzeptiert, bei den Motoneuronerkrankungen scheinen insbesondere Fußballspieler ein erhöhtes Erkrankungsrisko aufzuweisen.

Therapie und Prävention

Eine kausale Therapie der CTE und auch ihrer assoziierten Erkrankungen existiert nicht. Umso mehr wird über die Krankheitsprävention diskutiert. Dabei ist zu bedenken, dass man CTE und auch ein erhöhtes Risiko von mit ihr assoziierten neurodegenerativen Erkrankungen nur bei Profisportlern nachweisen konnte, nicht bei Freizeit- und Gelegenheitssportlern. Das gerät aber in der öffentlichen Diskussion oft unter die Räder:

In den USA existiert seit einiger Zeit – auf Grund des Phänomens CTE – ein Kopfballverbot für Fußballspieler unter 16 Jahre, in Deutschland nicht, was durchaus heftig kritisiert wird: Link.

Fazit

Ein charmanter Einstieg um sich von dem monothematischen COVID-Drama der letzten Monate zu lösen: Auch beim Thema CTE hilft Vereinfachung und Dramatisierung nicht weiter, für den ganz überwiegenden Teil der Freizeitfußballer wird das Risiko-Nutzen-Verhältnis auch weiterhin stark zu Gunsten des Sports ausfallen. Trotzdem lohnt sich sicherlich der Gedanke hinsichtlich potentieller präventiver Maßnahmen. Auch wenn es vielleicht etwas zu sehr dem Zeitgeist entspricht, muss man sich schon fragen, warum genau beim Kinder- und Jugendfußball Kopfbälle trainieren werden sollen.

Wo man weiterlesen kann
  1. Mackay DF, Russell E, Stewart K et al. Neurogenerative disease mortality among former professional soccer players. NEJM 2019; 381 (19): 1801-1808 doi:10.1056/NEJMoa1908483
  2. Russell ER, Mackay DF, Stewart K, MacLean JA, Pell JP, Stewart W. Association of Field Position and Career Length With Risk of Neurodegenerative Disease in Male Former Professional Soccer Players. JAMA Neurol. 2021;78(9):1057. doi:10.1001/jamaneurol.2021.2403
  3. Gänsslen A, Krutsch W, Schmehl I, Rickels E. Chronisch Traumatische Enzephalopathie: Wie Sportverletzungen das Gehirn schädigen können. Deutsches Ärzteblatt Online. Published online September 16, 2016. doi:10.3238/PersNeuro.2016.09.16.03

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